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Predigt von Bischof Dr. Gebhard Fürst

im ökumenischen Gottesdienst am Gedenktag der Opfer von Flucht und Vertreibung, Stiftskirche Stuttgart, 20. Juni 2015

Schrifttext: Mt 25, 31-40

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Krieg, Flucht und Vertreibung: Das sind Schlüsselwörter, die unsere Nachrichten prägen. Überall auf der Welt sind Menschen auf der Flucht – vor Gewalt, Krieg, Armut und Hunger. Die Schlagzeilen um das Schicksal der Flüchtlinge sind uns Alltag geworden: Bilder von Menschen, die in Todesangst ihre Heimat verlassen und sich entwurzelt auf den Weg in eine bessere Zukunft machen – unterwegs oft zu Fuß, oft monate-, ja sogar jahrelang.

Mehr als 60 Millionen Menschen weltweit mussten im vergangenen Jahr aus Angst vor gewaltsamen Konflikten entweder ihr Land verlassen oder irren in ihrem Land als Binnenflüchtlinge umher. Mit diesen erschreckenden Zahlen haben wir einen traurigen Höchststand seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erreicht. Die Krisenherde in Syrien, im Irak, im Jemen und in der Ukraine oder in Nigeria lassen auch die Zahl der Menschen steigen, die in Folge von bewaffneten Konflikten getötet wurden. 180.000 Todesopfer sind dies im Jahr 2014 gewesen.

Diejenigen, die fliehen, hoffen: auf der anderen Seite der Grenzen, im Schutz der Flüchtlingslager oder jenseits des Meeres möge sie ein anderes, besseres, neues, menschenwürdiges Leben erwarten.

Doch vor allem das Mittelmeer ist zum traurigen Ort für zerstörte Hoffnungen geworden. Denn es ist traurigefurchtbare Wahrheit: Das Mittelmeer füllt sich mit Toten wie ein Massengrab.

Der heutige Weltflüchtlingstag fordert uns heraus, daran zu erinnern: Die Menschen, die an den Grenzzäunen verbluten oder im Meer ertrinken, sind unsere Toten. Wir sind für ihren Tod mitverantwortlich. Deshalb ist es an der Zeit, dass wir alles unternehmen, um die Ursachen der globalen Flüchtlingsbewegung anzugehen: Armut und Hunger, Umweltzerstörung, Gewalt und Unterdrückung gehören zu den wichtigsten Ursachen für Migration. Sie sind die Hauptmotivatoren, die zu Verteilungskämpfen und zu Kriegen führen. Unser Lebensstil, unser Wohlstand, unsere Wirtschaft und unsere Politik haben einen Anteil daran!

Bereits vor zwei Jahren hat Papst Franziskus Lampedusa besucht und dort für die Opfer gebetet und die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf das Flüchtlingsdrama gelenkt. Die Insel vor der Küste Italiens ist zu einem besonders tragischen Ort und Symbol der Folgen von Flucht und Vertreibung geworden. Mit seinem Besuch damals auf Lampedusa hat Franziskus ein Zeichen gesetzt. Ein Zeichen gegen die Gleichgültigkeit und für die Solidarität der Menschen untereinander. Ein Zeichen der Barmherzigkeit in Erinnerung an den Bund Gottes mit uns Menschen, der uns alle auch untereinander verbindet: Wir als seine Geschöpfe, Geschöpfe Gottes,die wir alle sind, tragen Verantwortung für einander. Wir stehen in der Pflicht, nicht wegzuschauen, sondern einander zu helfen und Verantwortung zu übernehmen.

Der Weltflüchtlingstag ermutigt uns in besonderer Weise zur Empathie mit den Opfern. Er fordert uns heraus, zur Barmherzigkeit mit den Entwurzelten und Gestrandeten. In seinem neuen Brief „Laudato si“, erst vor zwei Tagen veröffentlicht, fordert Franziskus eine „neue weltweite Solidarität“. Eine ganzheitliche Solidarität, die sich nicht nur auf ökologische, sondern auch auf soziale und politische und wirtschaftliche Probleme erstreckt. „Flüchtlinge tragen die Last des Lebens in Verlassenheit“, sagt Franziskus (Art. 25). Der Mangel an Reaktionen angesichts dieser Dramen unserer Brüder und Schwestern sei ein Zeichen für den Verlust eines jeden Verantwortungsgefühls für unsere Mitmenschen, auf das sich jede Zivilgesellschaft gründe.

Mit diesen Worten formuliert er neu, was Jesus im heutigen Schrifttext von uns fordert. In der Lesung haben wir soeben die große Rede Jesu gehört, die der Evangelist Matthäus festgehalten hat. Jesus sagt: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben.“ (Mt 25,35f.) „Was ihr für einen meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Die Worte Jesu im Matthäusevangelium, sie sind die Triebfeder christlicher Nächstenliebe. Der Blick auf die Schwachen und Ausgestoßenen – er entscheidet letztendlich darüber, ob wir Menschen ein humanes Leben führen. In der Barmherzigkeit für andere wird Jesu Gegenwart in besonderer Weise lebendig. Mit unserem Handeln gegenüber den Schwachen und Bedrängten, mit unseren Gesten ihnen gegenüber vergegenwärtigen wir das Reich Gottes und lassen es Wirklichkeit werden. In diesen Taten sieht Jesus Christus selbst Zeichen der Fürsorge, der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit. Damit nehmen wir ihn selbst in unser Leben auf, in unser Leben, in unsere Welt. Wir begegnen Gott in unserem Tun an den Fremden, den Obdachlosen…

Jesu Worte, sie sind ein Appell gegen unsere Gleichgültigkeit. Sie sind eine kritische Anfrage an unsere Solidarität.

In unserem Land haben die Menschen die große Welle von Vertreibung und Flucht bereits einmal erlebt. Viele mussten am Ende des Zweiten Weltkriegs bereits am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, die Heimat zu verlassen und – unter Lebensgefahr – zu fliehen oder vertrieben zu werden. Traumatisiert kamen Tausende hier an. Die Erinnerung an die letzten Kriegstage und danach muss uns heute als Maßstab der Nächstenliebe sein. Die Vertriebenen von damals sind die Experten für den Umgang mit den Fremden von heute. Dass wir einerseits dazu beitragen, Flucht zu vermeiden und vor Ort helfen, dass Menschen erst gar nicht aus ihrer Heimat fliehen müssen, indem wir als Gesellschaft unsere Verantwortung für die Welt wahrnehmen; und dass wir uns andererseits derer annehmen, die heute in unser Land kommen und Schutz suchen. Dass wir sie nicht mit Ablehnung und Buh-Rufen empfangen. Dass wir sie nicht in ihren Unterkünften isolieren, sondern in die Mitte unserer Gesellschaft hineinnehmen. Dass wir uns den Traumatisierten annehmen, dass wir ihnen qualifizierte Hilfe anbieten, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Dass wir Strukturen schaffen, in denen Aufarbeitung, Heilung der Wunden, stattfinden kann.

Das ist die Barmherzigkeit, die wir den Gestrandeten schuldig sind, entgegenzubringen. „Ich war obdachlos“, spricht Christus „und ihr habt mich aufgenommen.“ In den Flüchtlingen nehmen wir Christus auf!

Und noch Geschichte aus den Erzählungen der Chassiden: „…Weil wir uns nicht mehr so tief bücken…“

Amen!